Die Sache mit der Trauer

von Svea
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Im Dezember erst hat sich sein Todestag zum zweiten Mal gejährt. Im Januar wäre er 77 Jahre alt geworden. Ich war nicht bereit, hatte den Gedanken um den möglichen Tod meines Vaters keinen Raum gegeben. War nicht vorbereitet. Aber ich hätte es sein sollen und vielleicht auch können – zumindest, soweit man in einer solcher Situation überhaupt davon reden kann – denn der Tod meines Vaters kam nicht überraschend. Tatsache ist, dass er sich bereits einige Jahre mehr gequält denn gelebt hat und dankbarer über seinen letzten Tag war als ich.

Innerhalb einer einzigen Sekunde kann sich alles verändern

Mein Vater war ein starker Mann, der sich in seinem Leben noch nicht einmal mit nervigem Schnupfen oder Kopfschmerzen rumplagen musste. Und dann kam der Tag, an dem die Welt, wie ich sie kannte, erschüttert wurde. Er war gerade erst in Frührente gegangen, hatte nach vielen Jahren wirklich harter Arbeit endlich die Zeit, es sich gut gehen zu lassen und sein Leben zu genießen, doch seine Organe hatten andere Pläne. Sie versagten und mit einem Mal wurde aus dem einst so starken Mann jemand, den noch nicht einmal seine eigene Tochter wiedererkannte. Ich bin so froh, dass meine Schwester stark genug war, unseren völlig abgemagerten Vater, der dem Tod weit näher als dem Leben war, zu besuchen und an einer Seite zu sitzen. Denn ich war es nicht. Als mich die Nachricht von Papas Zusammenbruch erreichte, zog es mir komplett den Boden unter den Füßen weg. Wenn ich heute an die Zeit damals zurückdenke, dann sehe ich mich nur auf Knien hockend, den Oberkörper vorn übergebeugt und weinen.

Abschied

Zweite Chance?

Mit viel Mühe schafften es die Ärzte, meinen Vater am Leben zu halten und seinen Zustand mit der Zeit soweit zu verbessern, dass er entlassen werden konnte. Doch wo ich erleichtert war, hörte ich Traurigkeit und Schmerz in der Stimme meines Vaters. Er wollte so nicht leben, wollte kein Pflegefall sein. Und so sehr mir allein der Gedanke daran, mein Papa könnte irgendwann nicht mehr da sein, weh tat, ich konnte ihn verstehen. Er war sein Leben lang stark gewesen, stolz und ein Genießer wie er im Buche steht . Doch auf einmal waren so viele Teile dessen, was ihn ausgemacht und wofür er hart gearbeitet hatte, einfach nicht mehr da. Für ihn war die Rettung durch die Medizin keine Rettung, keine zweite Chance, kein Geschenk. Für ihn war sie ein Gefängnis, eine Erniedrigung und Strafe. Anfangs zog ihn noch seine Wut darüber, hilflos und auf andere angewiesen zu sein, durch den Tag. Doch nach und nach verstummte sie und machte Resignation platz. Er wurde zunehmend depressiver, hatte aufgegeben. Während ich als Tochter unendlich erleichtert und dankbar über den Erfolg der Ärzte war, habe ich keine einzige Sekunde daran gedacht, wie es meinem Vater damit geht. Ich war endlos egoistisch, habe mein Glück an erste Stelle gestellt und dabei völlig übersehen, dass mein Vater einfach lebensmüde war.

Jeder Mensch trauert anders

Schließlich kam irgendwann der Tag, an dem mein Papa seine Augen für immer schloss. Man hätte wahrscheinlich von mir erwartet, dass ich ähnlich zusammenbrechen würde, wie an jenem Tag, an dem er zusammengebrochen war. Doch dem war nicht so. Als ich die Nachricht bekam, regte sich in mir überhaupt nichts. Ich war vollkommen abgeklärt, nüchtern, wechselte binnen kürzester Zeit zur Tagesordnung über. Immer wieder habe ich mich selbst gefragt, wo meine Tränen, mein Taubheitsgefühl, mein Schmerz waren, habe mich selbst als nicht normal und kaltherzig empfunden. Verstärkt wurde das Gefühl noch durch meine Mutter, die mich als undankbar und schlechte Tochter betitelte, nachdem ich nicht zur Beerdigung meines Papas erschien und das tat verdammt weh. So weh, dass ich weinte und weinte und weinte und anfing, an mir selbst zu zweifeln, mich klein zu machen, mich für mich selbst zu schämen. Am meisten traf sie mich mit der Aussage, dass mein Vater enttäuscht von mir wäre, obwohl ich es besser wusste. Ich wusste, dass mein Vater mich nur zu gut verstanden und niemals von mir erwartet hätte, dass ich mich zu etwas zwang, gegen das sich jede Faser in mir wehrte. Er wusste, dass ich ihn liebte, dass er mein Held und mein Vorbild war und dass ich stolz bin, seinen Namen zu tragen. Ich wusste all das und trotzdem trafen mich die Worte meiner Mutter verdammt tief. Mehr als der Tod meines Vaters hätte man meinen können, doch dem war nicht so. Der Tag, an dem die Abstumpfung ihre Hüllen fallen und mein Herz ungeschützt zurückließ, kam nämlich doch und ich kann euch sagen, einen vergleichbaren Schmerz habe ich noch nie in meinem Leben gespürt. Ich fühlte mich wie Voldemorts Seelenteil unter der Bank in Kings Cross und das für eine ganz schön lange Weile.

Abschied

Abschied nehmen? Kann ich nicht.

Ich war nie am Grab meines Vaters. Um ehrlich zu sein habe ich überhaupt noch nie irgendjemanden auf dem Friedhof besucht. Mit der Vorstellung, ein geliebter Mensch liegt dort unter der Erde, kann ich einfach nicht umgehen. Auch, wenn ich natürlich weiß, dass das nun mal der Lauf der Dinge ist. Doch ich brauche auch überhaupt nicht vor seinem Grab zu stehen, um mit meinem Vater zu reden. Denn genauso, wie man mir als Kind beibrachte, dass Gott überall ist und ich nicht in die Kirche zu gehen brauche, um mit ihm zu reden, ist mein Papa für mich nicht nur in seinem Grab, sondern überall. Er ist in den Geschichtsbüchern, die er so geliebt hat, in den Schulnotizen, die ich vor Jahren mit ihm gemeinsam erstellt habe, er ist in jeder Soße, die ich zubereite, denn mein Papa war ein wahrer Soßenkasper. Er ist im Werkzeug, das er mir zu meinem Auszug geschenkt hatte, in meinem Poesiealbum, in meinem Gesicht, im Gesicht meines Sohnes und er ist im Wasser. Ebenso wie das Wasser mein Element ist, ist es seins gewesen. Er liebte die Seefahrt, fühlte sich nirgends so frei und stark wie auf dem Wasser und wann immer ich am Fluss spazieren gehe, ist er bei mir und hört mir zu. Er hört mir zu, wenn ich auf dem Balkon sitze und meine Gedanken sortiere, hockt zwischen uns, wenn ich meinem Sohn nahe bringe, jedes Lebenwesen zu achten. Sein Lachen klingelt in meinen Ohren, wann immer ich irgendeinem geometrischen Problem gegenüberstehe, weil er genau weiß, dass ich es mit Millimentergenauigkeit einfach nicht habe. Und ich sehe ihn zu jedem Eurovision Song Contest vor mir, wie er bei jeder zwölf Punkte Wertung für Gildo Horn aus dem Zimmer gehüpft kam und Gildo hat mich lieb geträllert hat. Wie kann ich mich da von meinem Papa verabschieden, wenn er immer noch ein so fester Teil meines Lebens ist? Mein Papa ist bei mir, jeden Tag, auch, wenn ich ihn nicht mehr sehen und anfassen kann. Er ist hier, ein Teil von mir und wird es immer sein. Aus diesem Grund sage ich Bis bald, Gute Nacht und Guten Morgen, aber niemals Mach es gut!


Habt ihr bereits einen geliebten Menschen verloren? Wie geht ihr mit dem Verlust um?

 

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Buchgefieder 15. April 2019 - 12:57

Hallo liebe Svea,

ich habe vor 664 Tagen jemanden verloren, den ich immer im Herzen trage, den ich jeden Tag vermisse. Die Trauer kommt immer noch wie Ebbe und Flut, aber die Sonne scheint auch wieder.

Seit dem 20. Juni 2017 zähle ich fast jeden Tag. Ich besuche das Grab, weil es mir hilft, weil es Teil einer Routine ist. Klingt komisch, lässt sich aber durch die Geschichte dahinter gut erklären.

Vielleicht bin ich bald bereit und schreibe dazu ebenfalls einen Beitrag.

Ganz liebe Grüße und eine virtuelle Umarmung
von Karin

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