Ich mach’ es einfach wie Nanny Fine!

von Maike
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Älter werden
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Bis zu meinem dreißigsten Geburtstag wurde ich jedes Jahr aufs Neue von meiner Mutter gefragt, wie ich mich denn nun mit meinem neuen Alter fühle. Als wenn man über Nacht ein neues Leben mit neuem Körper und Sein bekommen hätte und alle nun ganz ungeduldig darauf warten zu erfahren, ob’s passt. Bescheuert. An meinem dreißigsten Geburtstag dann packte sie natürlich auch wieder diese altbekannte Schallplatte aus und als ich gerade zu einer Antwort ansetzte, fügte sie hinzu: “Jetzt, wo die große Null da ist!” Bähm.

Okay, ich geb’s ja zu, als ich noch jünger war (ein unwissender, naiver Teenager um genau zu sein), dachte ich, mit dreißig ist das Leben vorbei. Nicht im Sinne von Tod und begraben, sondern einfach, dass man zu alt wäre für alles, was Spaß macht. Mit den Jahren habe ich dann natürlich erkannt, dass das totaler Dünnschiss ist und ich nicht über Nacht auf einmal den Spaß am Leben verlor und je mehr ich das für mich selbst herausfand, desto mehr nervten mich diese dämlichen Fragen meiner Mutter. Mir ist klar, dass sie sich dabei nichts Böses gedacht hatte, doch hatten diese Fragen immer so einen bitteren Beigeschmack. Als würde meine Uhr mit jeder neuen Zahl immer lauter ticken. Und dieser Eindruck verstärkte sich nur noch durch ihren Kommentar an meinem dreißigsten Geburtstag. Ja, die große Null war da, kam Händchen haltend mit der großen Drei im Gepäck.

Geburtstag

Ich sah mein steigendes Alter und meine Drei mit ihrer Null nicht negativ. Für mich war es einfach so und das Leben ging weiter. Punkt. Aber meine Mutter mit ihrer Frage und diesem “Na, Mädel, deine Uhr tickt” zwischen den Zeilen nervte mich gewaltig. Und da sagte ich das einzige, was mir in dem Moment in den Kopf kam: “Weißt du was? Ich mache es ab jetzt einfach wie Nanny Fine und bleib auf ewig neunundzwanzig. Dann fühle ich mich jedes Jahr gleich!”

Hätte ich auch nur ansatzweise geahnt, was ich damit ins Rollen bringen würde, ich hätte mir den Mund mit Sekundenkleber zugeklebt und zur Sicherheit auch noch Duct Tape drüber gemacht! Eigentlich ziemlich traurig, dass meine Mutter mich so wenig kannte und nicht verstand, dass meine Antwort ein Scherz gewesen ist, aber nun ja. Ihr Ton verlor an jenem Tag jedenfalls jedes bisschen Herzlichkeit. Sie wurde bitterernst und dichtete mir ein ernsthaftes Problem mit dem Älter werden an und meinte, ich solle das unbedingt psychologisch behandeln lassen, da dieses Ausmaß nicht normal sei. Öhm … ja. Und sie ließ nicht locker. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bohrte sie nach oder beobachtete jeden noch so kleinen Handgriff von mir.

Geburtstag

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mich nicht irgendwann gefragt hätte, ob meine Mutter vielleicht recht hatte. Ob ich tatsächlich ein Problem mit dem Älter werden und es nur noch nicht bemerkt hatte. Doch nein, das hatte ich nicht. Mir war die Zahl vollkommen schnurz, so schnurz sogar, dass ich ziemlich oft erstmal nachrechnen muss, wie alt ich denn nun bin. Womit ich allerdings tatsächlich ein Problem habe, ist die Zeit. Ganz unabhängig davon, vor wie vielen Jahren ich geboren wurde, habe ich oft das Gefühl, als würde mir die Zeit davonrennen. Es gibt noch so verdammt vieles, was ich erleben, sehen, fühlen und auf gar keinen Fall verpassen will und da macht mir das Tempo, in dem die Tage, Wochen und Monate an mir vorbeirauschen schon manchmal Angst. Aber läuft die Zeit mit zwanzig langsamer als mit dreißig? Nein.

Heute habe ich die Drei und ihre große Null längst hinter mir gelassen und sehe die nächste große Null schon dahinten in der Ferne vor mir. Und ich freue mich auf sie. Ich freue mich darauf herauszufinden, wie viel Spaß ich mit vierzig haben werde! Aber fühle ich mich auch wie vierzig? Nein. Zumindest nicht so, wie ich früher gedacht habe, dass man sich in dem Alter fühlt. Wenn ich ehrlich bin, kann ich selbst überhaupt nicht glauben, in zwei Jahren erneut zu nullen, denn ich fühle mich nach wie vor wie Mitte/Ende zwanzig. Okay, das Knie knackt heute ein wenig mehr als noch vor fünfzehn Jahren und auch die grauen Haare kann ich nicht mehr an nur einer Hand abzählen, aber darauf kommt es doch auch gar nicht an, oder? Es geht doch viel eher darum, wie alt wir uns im Kopf und im Herzen fühlen und da bin immer der junge Hüpfer geblieben, der ich damals war und ich hoffe, dass das auch immer so bleiben wird.

Uhr

Natürlich werde ich gewaltig anecken, wenn ich mit fünfzig oder sechzig immer noch albern bin, mit quietschbunten Gummistiefeln in jede Pfütze springe oder einfach nur total verkochtes Hirngulasch von mir gebe, aber was soll’s, das tue ich schließlich auch mit Ende dreißig bereits. Dass ich mich trotz stetigem Gegenwind weiterhin so verhalte, wie ich nun mal bin, bedeutet jedoch nicht, dass mich die ewige Meckerei nicht stört, im Gegenteil, sie geht mir sogar gehörig auf den Zeiger. Jedes einzelne Mal, in dem irgendjemand meint mich auf mein Alter und mein mangelndes reifes Verhalten hinweisen zu müssen, frage ich mich, was das soll. Es ist ja schließlich nicht so, als würde ich mich den gesamten Tag wie ein Kleinkind verhaltenund mich nicht der Norm entsprechend, die hierzulande für mein Alter gilt, benehmen können. Das kann ich nämlich und tue es auch, wenn eine Situation dies erfordert, doch vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr? Scheiße, nein! Das Leben ist zu kurz, um sich eine Zwangsjacke anzuziehen und in Schubladen stecken zu lassen. Es ist zu kurz, um sich gegen sich selbst zu stellen und sich anders zu geben, als man ist. Es ist zu kurz, um nicht alles an Spaß mitzunehmen, das sich einem bietet. Der Tag, an dem das nicht mehr möglich ist, kommt nämlich auch so früh genug.


Macht euch das Älter werden Angst? Fühlt ihr euch so alt, wie ihr seid?

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Tina 9. März 2019 - 13:50

Hallo Maike,

du sprichst mir aus der Seele. Ich werde dieses Jahr 33 und habe kein Problem damit. Ich fühl mich gut damit, bin froh, dass ich mit den Jahren an meinen Erfahrungen gewachsen bin.

Meine Lebensfreude ist damit nicht weggefallen und ich lasse mich auch nicht gerne in eine Schublade wegen meines Alters stecken, obwohl das natürlich vor kommt.
Das nervt. Man kann mich doch einfach mal machen lassen. Meine biologische Uhr funktioniert auch noch prima und ich steh noch lange nicht mit einem Bein im Sarg und ich muss mich verdammt noch mal nicht festlegen und schon mein Lebensziel erreicht haben. Ach, nervt das. Und wenn dann noch jemand kommt, der 30 wird und mir erzählt, dass ja dann quasi alles vorbei ist und man noch nicht das erreicht hat, was man erreichen wollte…
Es ist doch nur ein Alter von vielen. Ich lache und weine wie mit 20, aber ich denke anders. Mein Körper ist sogar fitter als mit 20, weil ich bewusster lebe. Was ist also so schlecht am älter werden? Nichts.

Liebe Grüße Tina

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Maike 12. März 2019 - 16:58

Ganz genau! Ich denke aber, unsere Gesellschaft ist zu bemüht, Perfektionismus zu schaffen, um das zu erkennen. Und das fängt nicht erst mit Ü30 an, sondern schon im Kleinkindalter. Zuerst werden Verhalten und Fähigkeiten bewertet, dann Verhalten, Fähigkeiten und Äußeres und schon fängt man an, sich selbst zu optimieren (übrigens ein Trend, den ich sehr ungesund finde). Was ich dabei immer besonders amüsant finde: auf der einen Seite heißt es immer, dass jeder individuell ist, während man auf der anderen fleißig in Schubladen gequetscht wird.

Ganz liebe Grüße,
Maike

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Claudia 10. März 2019 - 01:39

Liebe Maike,

ich bin da ganz bei Dir, “altersgerechtes” Verhalten (was auch immer man darunter verstehen mag) dann, wenn es nötig ist, aber nicht rund um die Uhr. Manchmal Kind sein zu können ist so schön, viel schöner als krampfhaft erwachsen sein zu wollen. Klar, bei der Arbeit ist Professionalität gefragt und oft auch ein seriöser Eindruck, aber das muss man ja nicht unbedingt mit in den Alltag nehmen.

Ob ich mich so alt fühle wie ich bin, kann ich gar nicht so genau sagen. Wie sollte man sich denn fühlen mit 37? Mir fehlt da der Vergleich, ich war noch nie so alt oder jung :D. Manchmal kann ich schon noch ein rechter Kindskopf sein, aber im positiven Sinne. Ich habe nicht verlernt, mich auch mal an Albernheiten und “Kinderkram” zu erfreuen wie die krampfhaft Erwachsenen, die einem so gerne sagen, man solle doch mal endlich erwachsen werden. Da denke ich mir dann oft “Warum? Damit ich genauso verbissen werde? Och nä, lass mal, ich geh schaukeln”.

Liebe Grüße

Claudia

Antworten
Maike 12. März 2019 - 17:04

Du triffst den Nagel auf den Kopf! Es ist ja schließlich nicht so, als wenn man ab einem gewissen Alter den Blick fürs Schöne verlieren und plötzlich alles, was mir bislang Spaß gemacht hat, nur noch albern finden würde. Ich bin der Meinung, solange man sich in angemessen verhält, wenn eine Situation dies erfordert, sollte man in der restlichen Zeit doch so sein dürfen, wie man möchte. Das Leben kann so schnell zu Ende sein und dann doch bitte mit ganz vielen wunderbaren, albernen und spaßigen Erinnerungen!

Ganz liebe Grüße,
Maike

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Emilia 17. März 2019 - 22:41

Für meinen Geschmack ist ein großteil unserer Gesellschaft zu Ernst, zu urteilend und viel zu wenig wertschätzend. Abwertungen sind schon fast an der Tagesordnung und Selbstreflektion überwiegend Fehlanzeige. Dieses nicht bei sich sein führt dazu, dass man sich überwiegend im Außen befindet und durch das Be-(ver-)urteilen Anderer seine eigenen Gefühle kompensiert. Wenn einem da Menschen begegnen, die (ich vermute das jetzt mal) freudiger unterwegs sind oder so wirken, dann stößt das bei kompensierenden Menschen auf Widerstand. Es fühlt sich für sie nicht gut an und im schlimmsten Fall entsteht Neid. Es gibt aber auch die Überfürsorglichen, die nur das Beste für einen wollen und sich nicht bewusst darüber sind, was sie mit ihren Worten oder der urteilenden Art verursachen.
Mir geht es ebenfalls so, dass ich das Gefühl habe, nicht älter zu werden. Äußerlich auf jeden Fall, aber innerlich nicht. Nur lerne ich dazu und entwickel mich weiter. Trotzdem bewahre ich mir die Lust einfach mal loszulassen, Witze zu reißen, mich urkomisch zu benehmen, rumzukaspern, etc.
Ich habe mich über genau dieses Thema mal mit jemandem unterhalten, der Ü50 ist. Er bestätigte mir, dass es ihm genauso geht.
Die Erwartung liegt also im Außen, in einem Teil der Gesellschaft. Einer Gesellschaft die zwanghaft damit beschäftigt ist Emotionen und Gefühle zu unterdrücken, um Leuten zu gefallen oder sie zu beeindrucken denen sie (meist) mehr oder minder egal sind, statt sie zu leben.
Harte Worte, aber von Herzen.

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Maike 8. April 2019 - 12:32

Liebe Emilia, vielen vielen Dank für dein Feedback, ich freue mich darüber wirklich sehr und ein ganz dickes Sorry für meine späte Antwort. Irgendwie ist dein Kommentar total untergangen. 🙁

Ganz liebe Grüße,
Maike

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