Mein langer Weg zum Selbstbewusstsein

von Jenny
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Selbstbewusstsein. Dieser Begriff hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Heute glaubt mir keiner mehr, wenn ich erzähle, wie schüchtern und zurückhaltend ich damals noch war. Immerhin fällt es mir nicht mehr schwer auf Fremde zuzugehen, mich einzubringen und meine Meinung zu sagen. Ich halte mich nicht zurück und bin offener für meine Umgebung geworden. Tatsächlich war es nicht immer so. Eigentlich war ich das genaue Gegenteil von heute. Es war ein langer Weg, den ich gehen musste, um an den heutigen Punkt zu kommen. Viele verschiedene Aspekte haben diesen Weg bestimmt und ich möchte euch hier kein “Geheimrezept” zeigen. Es ist viel mehr meine persönliche Erfahrung: Was mir geholfen hat und wodurch ich lernen konnte selbstbewusst zu sein.

Ich war es gewohnt eher für mich alleine zu bleiben, aber das fünfte Schuljahr war die Hölle für mich.

Als Kind habe ich mich immer anders gefühlt. Ich konnte keinen Anschluss finden, war oftmals alleine. Ich mochte nie gerne Puppen, Kleider oder Prinzessinenkram. Aber auch Fußball oder andere Sportarten haben mich nie so angesprochen. Ich passte weder zu den Jungs, noch zu den Mädchen. Ich hab mich schon früh in die Welt der Bücher geflüchtet, blieb lieber zuhause alleine und bin durch fremde Welten gewandert.
Ändern konnte sich so natürlich nichts an meiner Situation und ganz schlimm wurde es, als ich auf eine andere Schule als meine einzigen zwei anderen Freundinnen musste. Ich war es gewohnt eher für mich alleine zu bleiben, aber das fünfte Schuljahr war die Hölle für mich. Hier wurde ich nicht nur ausgegrenzt, sondern von meinen Mitschülern tagtäglich schikaniert und gemobbt. Ich konnte im nächsten Jahr die Schule wechseln und hatte unglaubliche Angst davor wieder so behandelt zu werden. Dieses Jahr hat Narben hinterlassen, die auch heute noch spürbar sind.
Das einzig positive war, dass ich meine zwei Freundinnen wieder hatte und somit nicht ganz alleine war.
Es lief etwas besser als auf der vorherigen Schule, ich fand ein paar Leute, mit denen ich reden konnte und war nicht mehr komplett alleine. Ich war immer noch eher der Einzelgänger, aber zumindest konnte ich die Pausen mit anderen verbringen.

Ich war immer neidisch auf die beliebten und coolen Kids und fragte mich, warum ich nicht auch so sein konnte. Ich wollte mich auch trauen vor allen Referate halten zu können ohne vor Panik schweißnasse Hände zu haben, mit den anderen mitzureden und mitzuspielen. Sooft schwirrten mir Gedanken im Kopf herum, die ich so gerne laut ausgesprochen hätte und ich habe mich einfach nie getraut. Es war, als wäre da eine unüberwindbare Barriere, die mich zurückhielt und ich behielt meine Gedanken für mich selbst.

Ich weiß noch genau, wann die erste Veränderung anfing. Ich habe mit Ende 15 meine Zahnspange entfernt bekommen und mir mit 16 das erste Mal Kontaktlinsen geholt. Auch ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich mir die Haare schulterlang schneiden lassen und angefangen mir die Haare zu glätten. Es war nicht so, als wäre ein Umstyling geplant gewesen. Es war mehr so, dass ich den Wunsch hatte, mich äußerlich zu verändern, nachdem ich mit meinem ersten Freund Schluss gemacht hatte. Irgendwie fielen alle diese Dinge zusammen und ich kann mich noch genau erinnern, als ich das erste Mal mit Kontaktlinsen und geglätteten Haaren in den Spiegel geguckt habe. Ich habe eine andere Jenny gesehen und zwar die, die ich sein wollte. Die zufriedene, mutige und glückliche Jenny.

Ich weiß nicht, ob mein verändertes Aussehen mein eigenes Verhalten verändert hat oder ob ich erst angefangen habe, mein Verhalten zu ändern, als meine Mitschüler und Freunde anders mit mir umgingen. Ich kann nicht sagen, was zuerst kam. Ich weiß nur, dass es mich unglaublich irritiert hat. Es fühlte sich an, als wären alle plötzlich viel netter zu mir, als ob ich weniger fremd wäre. Ich wurde mehr integriert in der Klasse und unterhielt mich mit denen, mit denen ich sonst nie zuvor ein Wort gewechselt hatte. Ich wurde auf Geburtstage und Partys eingeladen und statt gemeiner Kommentare oder böser Streiche, bekam ich Komplimente und wurde gleichwertig behandelt.
Als ich mit 18 angefangen habe, öfter in Clubs zu gehen, wurde ich jeden Abend mehrmals angesprochen und anfangs konnte ich das gar nicht ernst nehmen. Ich war so misstrauisch, rechnete jeden Moment damit verarscht zu werden, aber das passierte nicht mehr.

Ich traute mich immer mehr aus mir heraus, angetrieben von den positiven Erfahrungen und meinem Wunsch endlich selbstbewusst zu sein. Als ich dann auch noch einen Freund hatte, dem es an Ego so null mangelte, gab mir das einen richtigen Boost. Er konnte absolut nicht verstehen, warum ich so ängstlich war. In seinen Augen war ich ein großartiger Mensch und sollte das der Welt doch auch verdammt nochmal zeigen. Manchmal war er auch ziemlich genervt, wenn ich mich mal wieder etwas nicht traute oder etwas nicht aussprechen konnte. Er war in der Hinsicht nicht wirklich verständnisvoll, aber mir hat das tatsächlich geholfen. Er war so überzeugt von mir, dass er es nicht akzeptieren konnte, wenn ich es nicht war. Das hat mich so vor den Kopf gestoßen, dass ich irgendwann gar nicht anders konnte, als ihm zu glauben und es immer wieder aufs Neue zu probieren. Und wisst ihr was? Es ist fast immer gut gegangen.

Nach dem Abi habe ich lange Zeit gekellnert und wer diesen Job schon mal gemacht hat, weiß: Hier ist kein Platz für Schüchternheit und Unsicherheit. Ich musste auf die Menschen zugehen, mit meinen Kollegen sprechen und mich immer wieder aufs Neue meinen Ängsten stellen. Der Funke, der angefangen hatte zu glühen, wurde immer größer und ich traute mich immer mehr und wurde immer selbstbewusster. Ich habe so viele großartige Erinnerungen aus dieser Zeit mitgenommen und dadurch immer mehr bemerkt, dass es vollkommen in Ordnung war, meine Meinung zu sagen. Ich konnte das, ich konnte ich selbst sein und wurde so akzeptiert.

Mein Selbstbewusstsein ist heute sehr viel größer als damals. Ich verstecke mich nicht mehr, sage meine Meinung frei heraus und lasse mich dabei nicht von anderen beeinflussen. Ich lerne immer noch Tag für Tag dazu, lerne mich selbst zu lieben, mit mir selbst zufrieden zu sein. Es gibt immer noch Augenblicke, in denen die Ängste wieder hochkommen und ich nicht weiß wie ich mich verhalten soll. Diese Probleme werde ich auch vermutlich niemals loswerden. Aber das ändert nichts daran, dass ich inzwischen einen großen Schritt nach vorne gemacht habe und noch viele kleine Schritte auf mich zukommen werden. Mein Weg zum Selbstbewusstsein war lang und ist auch heute noch nicht vorbei, aber ich bin dankbar für all die vielen positiven Erfahrungen, die ich machen konnte und hoffentlich noch machen werde.


Welche Erfahrungen habt ihr bisher mit diesem Thema gemacht? Würdet ihr euch als selbstbewusst bezeichnen? Fiel es euch schon immer leicht oder habt ihr auch eure Schwierigkeiten damit? Lasst mir gerne einen Kommentar da!

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