Im Gespräch mit: Christine, selbst betroffen, spricht mit uns über das Thema “Regretting Motherhood”

von Franzi
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Der Juli steht bei uns unter einem Thema: Regretting Motherhood. Denn wir finden, dass es viel zu oft nicht verstanden wird, Betroffene nicht verstanden werden und nicht die Möglichkeit haben, offen über diese Gefühle zu reden. Mit unserer Beitragsserie wollen wir daher Vorurteile ausräumen, euch zeigen, was hinter dem Begriff Regretting Motherhood steht und haben deshalb auch Betroffene um ein Interview gebeten. Wir freuen uns sehr, dass uns Christine von Pusteblumen für Mama ein paar Fragen beantwortet hat!

1. Magst du uns erst einmal kurz etwas über dich erzählen?

Aufgewachsen am Rande des Ruhrgebiets, zwischen Schwebebahn und Borussia Dortmund, bin ich, Christine, heute, mit meinen 34 Jahren glücklich verheiratet und zweifache Jungsmama. Die beiden sind absolute Wunschkinder, obwohl ich als Kinderlose im Leben nicht gedacht hätte, dass mich die Mutterrolle einmal so einengen würde, vor allem in den ersten Kleinkind-Jahren. Nach der Geburt des Jüngsten begann ich vor sechs Jahren mit meinem Blog, der inzwischen unter dem Namen „Pusteblumen für Mama“ all die hochsensiblen, freiheitsliebenden Mütter erreichen soll, die Schwierigkeiten mit ihrer Mutterrolle haben. Nach zweijährigem Aufenthalt an der friesischen Nordseeküste ziehen wir diesen Sommer zurück in Richtung Heimat, wo für uns alle ein neuer Abschnitt beginnt. Die Kinder werden eingeschult und somit hoffentlich bald noch ein Stückchen selbstständiger, sodass ich mich auch wieder beruflich neu orientieren werde.

2. Was bedeutet für dich “Regretting Motherhood”?

Eine Leserin meines Blogs hat es letztens sehr schön auf den Punkt gebracht: „Mich um meine zwei wunderschönen, geliebten Kinder kümmern zu müssen, ist der Alptraum meines Lebens.“ Es geht bei Regretting Motherhood gar nicht um die Frage, ob die Mütter ihre Kinder lieben. Es geht um die Mutterrolle, die reine Funktion hinter den Gefühlen. Frauen, die ihre Mutterrolle bereuen, fühlen sich in irgendeiner Weise stark eingeengt oder überfordert. Viele leiden unter der Fremdbestimmtheit, die gerade in den ersten Mutterjahren vorherrscht. Der Nachwuchs bestimmt das Tempo und verlangt immerzu nach Aufmerksamkeit. Den klassischen Feierabend gibt es nicht und auch ansonsten kommt die Frau hinter der Mutterrolle oft zu kurz. Zu den Müttern, die unter dieser Fremdbestimmtheit leiden, zähle ich mich auch. Einfach mal am Wochenende wieder ausschlafen, solange wie ich will oder verregnete Sonntage auf dem Sofa herumgammelnd verbringen, sind auch nach sieben Jahren ohne Babysitter noch unmöglich. Ständig meine Bedürfnisse zurückstellen müssen und mindestens für achtzehn Jahre die Verantwortung für ein (in meinem Fall zwei) anderes Wesen tragen müssen, auch in schwierigen Zeiten (ich denke an all die alleinerziehenden Mütter), das ist eine oft unterschätzte Herausforderung. Es gibt aber auch Mütter, die ihre Mutterrolle nicht aufgrund der Fremdbestimmtheit bereuen, sondern weil ihnen der organisatorische Part über den Kopf wächst. Die nie enden wollenden Wäscheberge; Einkäufe erledigen müssen, obwohl die Mutter ihre Zeit lieber mit ihren Kindern am Badesee verbringen möchte. In jedem Fall ist es die Rolle der Mutter, die bereut wird, nicht ihr Gefühl zu den Kindern. Leider wird das von Außenstehenden oft in einen Topf geschmissen, weshalb betroffene Mütter Angst vor Ablehnung oder Verurteilung  haben und verständlicherweise nicht gerne darüber reden. Es ist aber auch schwer zu differenzieren, das gebe ich gerne zu.

3. Was ist der größte Unterschied zwischen deiner Vorstellung des Mutterseins vor der Schwangerschaft und der jetzigen Realität?

Ich persönlich dachte immer, es wäre die Erfüllung meines Lebens, mich den ganzen Tag mit meinen Kindern zu beschäftigen. Leider bringt mich das Spielen auf dem Kinderzimmerboden oder Herumblödeln am Tisch enorm an meine Grenzen. Dann möchte ich am liebsten schreiend weglaufen. Vor allem dachte ich, dass die erfüllenden, glücklichen Momente mit Kindern überwiegen und sich der Alltag nicht als eine Aneinanderreihung von Stressmomenten entpuppen würde. Ich gebe zu, ich hatte vorher sehr romantische, verklärte Vorstellungen vom Muttersein. Ich kannte aber auch die Realität nicht, hatte selbst keine Bekannten oder Verwandten mit kleinen Kindern um mich herum, bei denen ich mir den ehrlichen Eltern-Alltag hätte abgucken können. Und wahrscheinlich hätte mich das auch nicht vom Muttersein-wollen abgehalten. Ich dachte früher, dass man Kindern ein- oder höchstens zweimal die gleichen Regeln erklären müsste, dass sie mit sechs Jahren nicht mehr mit Buntstiften an die Tapete malen (oder ich dann herzlich darüber lachen würde) und ich sie mit meiner guten Laune anstecken könnte, wenn sie mal schlecht drauf sind. Als werdende Mutter sagte ich mir: „Man muss mit den Kindern leben, nicht für die Kinder.“ Heute weiß ich, dass die Umsetzung in der Realität beinahe unmöglich ist.

4. Gibt es bestimmte Situationen, in denen alles zu viel ist/du die Mutterschaft bereust?

Als Hochsensible bin ich leider ständig überreizt, weshalb mir auch schnell alles zu viel ist. Vor allem, wenn ich selbst auch noch bedürftig bin, beispielsweise wenn ich übermüdet oder hungrig bin und dann trotzdem noch auf die Kinder eingehen soll, dann fällt mir das schon schwer. Aber mal davon abgesehen, empfinde ich das Muttersein vor allem dann als undankbare Aufgabe, wenn ich das Gefühl habe, meine Bemühungen fruchten nicht. Wenn ich nach sechs Jahren immer noch nach jedem Toilettengang des Jüngsten an die Klospülung und ans Händewaschen erinnern muss (von der Diskussion um die Seife ganz zu schweigen). Wenn ich Fragen meiner Kinder beantworte, nur, um festzustellen, dass sie mir eh nicht zuhören und ich auch mit der Wand hätte sprechen können. Wenn ich meine Jungs mit Pommes zum Mittagessen überraschen möchte und nur über die fehlenden Chicken Nuggets gemeckert wird. Viele Mütter sagen dann, dass sie aber am Ende des Tages solche nervigen Punkte belächeln können, weil die Kinder einem ja so viel zurückgeben. Ich beneide diese Mütter für ihre Wahrnehmung (oder ihre Kinder). Auch, wenn ich keine anderen Kinder als meine haben wollte und sie mich mit ihren Küsschen, gemalten Bildern und sonstigen herzigen Situationen erfreuen: Für mich wiegt das den ganzen Stress, die unproduktiven Gespräche und die Regelverstöße nicht auf. Noch nicht. Ich hoffe stark, dass es mit den Jahren noch besser wird und meine Zeit als überwiegend entspannte Mutter dann noch kommt!

5. Was hilft dir, trotz allem tagtäglich in deiner Mutterrolle zu sein bzw. gibt es Momente, in denen du das alles vergessen kannst?

Ich versuche vor allem, in der Gegenwart meiner Kinder präsent und achtsam zu sein, sprich fokussiert und ihnen zugewandt. Wenn das klappt, kann ich ganz für sie da sein, ihren Geschichten aus dem Kindergarten lauschen und sie trösten, wenn sie ihre Kindersorgen haben. Das klingt sehr einfach, ist für mich aber harte Arbeit. Viel zu schnell stecke ich wieder in einer genervten „Ach Gott, was kommt denn jetzt schon wieder?“-Haltung fest. Richtig genießen kann ich das Muttersein beim Bilderbücher-Vorlesen oder dann, wenn alle Familienmitglieder entspannt sind: Ein Sommertag im Garten, die Kinder spielen friedlich miteinander oder wir veranstalten ein kleines Picknick, vielleicht kicke ich selbst noch mit den Jungs ein bisschen Ball, … Allerdings sind diese Momente sehr selten. Meistens hat der Bruder unverschämter weise zwei Schlucke mehr Apfelschorle im Glas oder schon fünf Minuten zu lange den Ball benutzt. Spätestens dann steige ich auch wieder aus.

6. Redest du in deiner Familie offen über deine Gefühle und Probleme und falls ja, wie reagiert dein Umfeld?

Mit meinem Mann kann ich sehr offen darüber reden, Gott sei Dank! Ich glaube, das ist nicht selbstverständlich, dass der Partner versucht, sich in seine Frau hineinzuversetzen, wenn sie oft genug betont, dass sie das Muttersein satt hat. Auch, wenn er mich nicht immer versteht, so versucht er dennoch, mir viel abzunehmen, wenn er zuhause ist und mich zu entlasten, wo es nur geht. Einen besseren Mann kann ich mir wirklich nicht wünschen. Zu meiner Mutter und meiner Schwester habe ich auch ein sehr enges Verhältnis. Sie wissen auch größtenteils um meine Schwierigkeiten und leihen mir gerne ihr Ohr. Das hilft! Ansonsten habe ich mich letztens auch im größeren Familienkreis „geoutet“. Viele Reaktionen habe ich nicht bekommen, aber zumindest keine negativen. Ich glaube, für die meisten ist es schwer zu verstehen bzw. für die Mütter unter ihnen nicht nachvollziehbar. Wäre es aber früher für mich auch nicht gewesen, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte!

7. Inwiefern hilft es, sich auf Social Media und Co zu öffnen und auszutauschen?

Mein Blog ist mein Segen! Selbst, wenn Niemand mitlesen würde, hilft er mir, meine Gedanken in Worte zu fassen und ein Stück loszulassen. Er ist mein Ventil, vor allem für schlechte Stunden, wenn ich denke, es wird nie besser. Aber ich bin tatsächlich froh, dass ich sehr viel positives Feedback bekomme von Müttern, denen es ähnlich geht. Dann fühle ich mich selbst nicht so allein und bin gleichzeitig motiviert, noch mehr Frauen zu erreichen, die sich für ihre Gedanken und Gefühle schämen. Das geht auch wunderbar über Twitter oder Facebook über das Teilen von Texten. Inzwischen durfte ich auch schon ein paar meiner Leserinnen persönlich treffen. Aus manchen Begegnungen sind sogar echte Freundschaften entstanden. Das alles macht mich sehr dankbar!

8. Wie hast du dich über das Thema Regretting Motherhood informiert? Das Thema ist ja leider nicht wirklich präsent und wirkt eher als Tabuthema.

Ich würde behaupten, bei mir war es genau umgekehrt. Ich habe mir schon lange mein kinderloses Dasein zurückgewünscht, bevor dann ein paar Jahre später der Begriff „Regretting Motherhood“ über die Medien zu uns schwappte. In dem Moment hatte ich endlich offiziell einen Namen für meine Situation. Weitere Recherchen waren für mich nicht nötig. Nach und nach kamen dann bei mir Anfragen ins Postfach von Journalisten oder TV-Sendern rein. Die meisten Interviews habe ich abgelehnt, weil das Thema doch sehr sensibel ist und ich finde, dass es einen schmalen Grat zwischen Informieren und In-eine-Schubladestecken gibt, vor allem in Frühstückssendungen vom Privatfernsehen oder in einer Nachmittags-Talkshow, in der die Zuschauer nur danach trachten, dass die geladenen Gäste sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Aber grundsätzlich muss das Thema “Mutterrolle bereuen” dringend vermehrt an die Öffentlichkeit gelangen. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft aufgeklärt wird, dass die betroffenen Frauen keine Kinderhasserinnen sind, sondern unglücklich (bis hin zu überfordert) mit den hohen Anforderungen als Mutter, aber auch mit den überzogenen Erwartungen seitens der Gesellschaft. Von der Mutter wird eben erwartet, dass sie zu jeder Zeit uneingeschränkt und dabei bitte schön glücklich lächelnd für ihren Nachwuchs da ist, weil ihr auch die Haupt-Bindung zum Kind zugesprochen wird. Fällt die Betreuung im Kindergarten wegen Personalmangel aus, muss sie einspringen; sie soll mit der Geburt ihre Bedürfnisse und Hobbys selbstverständlich auf ein Minimum zurückstellen, im Krankheitsfall ihres Kindes drei Tage am Bett sitzen, sich beim Arbeitgeber selbstredend freinehmen (und die oftmals genervten Blicke von Kollegen auf sich nehmen), selbst wenn es der dritte Infekt in sechs Wochen ist und notfalls auch noch ihr Kind betreuen, wenn sie selbst mit Grippe im Bett liegt, weil der Mann natürlich auch nicht zuhause bleiben kann oder sie schon alleinerziehend ist und auf sich selbst gestellt. Die Berliner Regisseurin Kristina Schippling hat letztes Jahr mit den Aufnahmen zu einer TV-Dokumentation begonnen, die sich mit dem Thema Regretting Motherhood beschäftigt und mehrere betroffene Mütter dokumentiert. Zu diesem Projekt habe ich eigene Audio-Aufnahmen beigesteuert, da Frau Schippling das Ganze sachlich und gleichzeitig einfühlsam beleuchtet und auf seriöse TV-Formate setzt. Ich drücke ihr fest die Daumen, dass sie bald Erfolg mit einem Fernsehsender haben wird!

9. Hast/Hattest du Hilfe bzw. wolltest Hilfe in Anspruch nehmen und falls ja, wie hast du diese bekommen?

Eine Mutter, die unglücklich in ihrer Mutterrolle ist, wünscht sich vor allem ein verständnisvolles Umfeld und Menschen, denen sie mal ihr Herz ausschütten kann. Das klingt so simpel, aber nach meinen Erfahrungen ist alleine das schon schwer genug. Zum einen, weil es eine große Hürde ist, sich selbst einzugestehen, dass man überfordert oder unglücklich als Mutter ist. Vor allem, wenn man sich vorher so gewünscht hat, Mutter zu werden. Zum anderen können sich bereuende Mütter kaum austauschen, weil sie keine anderen Betroffenen kennen oder in ihrer Familie oder ihrem Bekanntenkreis kaum Verständnis für ihre Situation erhalten. Auf meinem Blog habe ich daher ein Kontaktverzeichnis, vor allem für hochsensible Mütter, gegründet, auf dem man auch Mütter mit dem Schwerpunkt „Regretting Motherhood“ aus Nah und Fern findet. Neben dem Austausch benötigen die betroffenen Mütter vor allem Unterstützung im Haushalt oder jemanden, der nachmittags mal das Kind nimmt, damit die Mutter mal Ruhe findet, um etwas für sich zu tun. Aber auch hier ist es oft genug schwer, Hilfe annehmen zu wollen.

Ich selbst hatte lange Zeit Schwierigkeiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil ich mich dadurch noch mehr als Rabenmutter sah. Meine eigenen Kinder fremdbetreuen lassen, während ich zuhause Kaffeetrinkend auf dem Sofa saß? Das kam mir meinen Kindern gegenüber unfair vor. Stattdessen probierte ich ein ums andere Mal, die Betreuung selbst zu wuppen, war dabei aber größtenteils gestresst, genervt sowie überfordert und am Ende des Tages natürlich enttäuscht von mir selbst. Irgendwann zog ich auf Drängen meines Mannes endlich die Reißleine und gab meinen Jüngsten zur Tagesmutter und später in die Ganztagsgruppe des Kindergartens. So profitieren wir alle davon: Ich habe viel Zeit für mich und meine Bedürfnisse und die Kinder werden zeitgleich von freundlichem und engagiertem Personal bespaßt. Im Sommer kommen die Jungs in die Schule und ich habe sie wieder für die Ganztagsbetreuung angemeldet. Ganz ohne schlechtes Gewissen, weil ich um unser aller Wohlbefinden weiß. Natürlich war meine Wunschvorstellung immer, dass ich meine Kinder nachmittags selbst betreue, aber wenn das bedeutet, dass sie dann ständig eine angespannte Mutter erleben, ist ja auch niemandem geholfen.

10. Wie gehst du damit um, wenn Menschen sagen, dass du es ja selbst gewählt hast, Mutter zu sein und dich nun nicht beschweren sollst?

Früher hätte ich wahrscheinlich dasselbe gesagt! Aber es ist halt etwas anderes, ob man sich in kinderlosen, entspannten Momenten ausmalt, wie es wäre, wenn ein Mini-Me nach dem Besuch bei Oma und Opa lachend auf mich zugelaufen käme oder wie einfach es sein könnte, sein trotziges oder weinendes Kind zu trösten. Und plötzlich sieht die Realität ganz anders aus und das Kind lässt sich einfach nicht trösten oder dein Sohn schreit dich an und tritt nach dir, weil er bei Oma bleiben will. Es ist diese Vierundzwanzigstunden-Verantwortung, die man sich zwar vorher bewusst macht, aber nicht nachempfinden kann. Es gibt (zum Glück) viele Mütter, die dieser Verantwortung gewachsen sind. Ich selbst habe aufgrund meiner eigenen Kindheitserfahrungen oft nur schwer Zugang zu meiner mütterlichen Seite. Das macht es mir nicht einfach, diese Rundumverantwortung als natürlichen Prozess wahrzunehmen. Zum anderen wusste ich vor der Schwangerschaft noch nicht, dass ich hochsensibel bin. Zu den „normalen“ Situationen im Mutteralltag stressen mich noch mehr Dinge und die wiederum schneller als gewollt. Wenn der Große pfeifend durch die Wohnung spaziert oder mein Kleiner neben mir auf seinem Stuhl herumrutscht. Wenn der Ältere von Null bis Hundert und wieder zurück zählt und der Jüngere die Tür nicht mit der Klinke schließt. Dann bräuchte ich schon eine Pause.

11. Denkst du, dass Regretting Motherhood ein gesellschaftliches Problem ist – dass es beispielsweise weniger stark oder oft vorkommen würde, wenn Frauen mit Kind gesellschaftlich besser unterstützt werden?

Ich glaube nicht nur, dass Regretting Motherhood ein gesellschaftliches Problem ist. Zum einen sind viele hochsensible Mütter betroffen. Die meisten Hochsensiblen entdecken erst mit dem Mamasein, dass sie diesen Wesenszug der Überempfindlichkeit besitzen und würden ihre Mutterrolle gerne auf wenige Stunden des Tages beschränken, in denen sie sich dann aber deutlich entspannter und intensiver um ihre Kinder kümmern könnten. Zum anderen haben viele betroffenen Mütter selbst negative Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht, mussten vielleicht Verantwortung an falscher Stelle übernehmen oder haben schon damals sehr viel Fremdbestimmung erfahren. Aber natürlich gibt auch die Gesellschaft, als Gerüst drum herum, ihren Teil dazu bei, dass die (werdenden) Mütter schon sehr perfektionistisch an die Rolle herangehen. Werbung, TV und Social Media geben ein Bild der glücklichen, immer präsenten Mutter vor, das es zu erfüllen gilt. Gleichzeitig gibt es kaum Anerkennung für die Mutter, sei es finanziell oder in Form von Anerkennung und konkreter Unterstützung. Ich glaube, wenn das soziale Netz besser ausgebaut wäre, würde der Druck bei vielen Müttern schon herausgenommen werden, für alles selbst verantwortlich sein zu müssen. Ich denke da in Form von kostenfreier bzw. kostengünstiger (Nachmittags-)Betreuung in Kirche und Nachbarschaft, Ausbau von KiTas (wie viele Mütter bekommen einfach keinen Kindergartenplatz?!) oder aber auch in Form von mehr Toleranz seitens der Arbeitgeber, wenn die Mutter sich keine Gedanken mehr um ihre freien Tage machen müsste, die sie schon im ersten Quartal für ihr ständig krankes Kindergartenkind verbraucht hat. Es wäre toll, wenn Indoor-Spielplätze in den Herbst- und Wintermonaten für Mütter mit Kleinkindern kostenfrei nutzbar wären, damit die Alternative bei so vielen Familien nicht Fernseher heißen müsste. Aber vor allem wäre es wichtig, dass Mütter sich nicht gegenseitig für ihren Erziehungsstil oder ihre Gefühle kritisieren würden.

12. Gibt es etwas, das du anderen Müttern, denen es ähnlich geht, mit auf den Weg geben möchtest?

Du bist – trotz allem – die beste Mutter für dein Kind!

13. Gibt es etwas, das du anderen, die nicht betroffen sind, mit auf den Weg geben möchtest?

Im Gegensatz zur leider verbreiteten Meinung, Regretting Motherhood wäre eine Wichtigtuerei junger Lifestyle-Mütter, die genau wie alle anderen Mütter auch nur mal einen schlechten Tag haben und daraus etwas Größeres aufbauschen, geht das Phänomen der ernsthaft bereuenden Mütter viel tiefer. Mütter, die ihre Mutterrolle bereuen, sind oft genug Frauen, die Mutter werden wollten, in dem Wissen, dass auch schwierige Phasen auf sie zukommen würden. Allerdings erleben sie subjektiv in ihrem Mutteralltag ein Ungleichgewicht zwischen dem, was sie geben und dem, was zurückkommt. Sei es vom Kind selbst oder aber auch an Anerkennung vom Staat oder ihres Umfelds sowie fehlender Unterstützung. Bereuende Mütter leiden stark unter ihrer ständig auftretenden Sehnsucht nach ihrem ehemaligen kinderlosen Leben und den dazu auftauchenden Schuldgefühlen gegenüber ihrem Nachwuchs. Viele hassen sich sogar selbst dafür, obwohl sie gar nichts für ihre Gefühle können. Sie einfach nur als undankbar zu bezeichnen, tut diesen Müttern, die auch nur das Beste für ihre Kinder wollen, unrecht. Ich verstehe die Menschen, denen das Phänomen Regretting Motherhood unverständlich ist und bleibt; ziemlich wahrscheinlich muss man dieses Dilemma selbst erlebt haben, um es nachvollziehen zu können. Und dennoch wünsche ich mir die Akzeptanz, dass es nunmal Mütter gibt, die so empfinden und die nichts dafürkönnen.

Gegenseitiger Respekt und eine wertschätzende Haltung hat noch niemandem geschadet – im Gegenteil, sie tun uns allen gut, egal, ob wir (bereuende) Mütter sind oder nicht!


Vielen Dank liebe Christine, für diese wundervollen, ausführlichen und nachvollziehbaren Antworten!

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