Im Gespräch mit: Als Betroffene spricht Vivien über Regretting Motherhood

von Franzi
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Im Rahmen des Regretting Motherhood-Monats lassen wir auch Betroffene zu Wort kommen. In einem ersten Interview hat uns Christine bereits teilhaben lassen. Heute freuen wir uns, dass Vivien ebenfalls unsere Fragen zum Thema beantwortet hat, um mehr darüber aufzuklären und zu zeigen, wie sich Regretting Motherhood konkret auswirken kann.

1. Magst du uns erst einmal kurz etwas über dich erzählen?

Gerne. Mein Name ist Vivien, ich bin 33 und Mama von drei Kindern im Alter von 11, 9 und 2 Jahren. Die beiden großen Kinder sind aus einer früheren Beziehung, der Kleinste ein gemeinsames mit meinem jetzigen Partner. Wir sind somit seit sechs Jahren eine Patchworkfamilie.

2. Was bedeutet für dich ‚Regretting Motherhood‘?

Für mich persönlich bedeutet es nicht, wie man es wörtlich übersetzen würde, dass ich die Mutterschaft an sich bereue. Sondern gewisse Umstände, die das Mama sein mit sich gebracht hat, die ich mir vorher nie so vorstellen konnte. Ich bereue es z. B. meine Zeit ohne Kinder nicht ausreichend genossen zu haben. Ich bemerkte erst mit oder durch die Kinder, wie freiheitsliebend ich eigentlich bin. Dass es sehr schwierig für mich ist, so extrem an diese Situation gebunden zu sein. Wie schwer es mir fällt, meine Bedürfnisse zurückzustecken und wie sehr mich diese Rolle oft einengt. Auch dass ich mich emotional nicht so, wie man es erwarten würde, darauf einlassen konnte, war anfangs sehr schwer für mich.

3. Was ist der größte Unterschied zwischen deiner Vorstellung des Mutterseins vor der Schwangerschaft und der jetzigen Realität?

Ich hatte eine sehr verträumte Vorstellung: Ich war der festen Überzeugung, dass ein Kind mein Leben mit Glück und Liebe füllen würde. Dass es auch uns als Paar zusammenschweißen und stärker verbinden würde. Ich sah mich mit vielen Kindern im Haus freudestrahlend und überglücklich – eine sehr naive Vorstellung, ich weiß. Man bekommt durch die Medien ständig ein Bild suggeriert, dass Mutterschaft das größte Glück auf Erden sei, aber dass sich dieses Gefühl nicht bei jedem einstellt und auch, dass ein Kind nicht gleich glücklich macht, wird verdrängt. Was meine ich damit, wenn ich sage, dass ein Kind nicht glücklich macht?

Kinder sind nicht für unser Glück verantwortlich. Es ist ein Gefühl, das wir in unser Leben bringen müssen und das kein Kind füllen kann, wenn man es selbst nicht empfinden kann. Viele denken aber, dass genau das, Mutter zu werden, die Lücke füllen würde. Nur weil man plötzlich ein Kind hat, liebt man es nicht auf Anhieb bedingungslos. Das erwartet man aber von einer Mutter. Auch die Beziehung wird durch ein Kind sehr geprägt. Es kommen viele Herausforderungen auf ein Paar zu und ich sehe es mittlerweile als eine riesige Prüfung für die Partnerschaft.

4. Gibt es bestimmte Situationen, in denen alles zu viel ist/du die Mutterschaft bereust?

Natürlich gab/gibt es die. Vor allem als ich mit den Großen alleinerziehend war. Da habe ich sehr wenige, bis keine Momente genossen. Drei Jahre lang war es ein tägliches Stundenzählen, wann denn der Tag endlich endet. Da saß ich oft nachts wach und dachte mir „Warum hast du Kinder? Dein Leben wäre so viel einfacher ohne sie.“ Auch heute noch gibt es Momente, Tage, die mich an meine Grenzen bringen und ich am liebsten alles hinter mir lassen würde und mich nach einem kinderlosen Leben sehne. Oft sind es kleine Situationen, wenn sich das Kind trotzend auf den Boden wirft oder den ganzen Tag durch brüllt. Endlose Diskussionen über Hausaufgaben und das ständige „Mama, Mama, Mama!“ An manchen Tagen hält man es besser aus, aber an manchen Tagen denkst du dir nur „Warum zur Hölle hast du dir das angetan?“

5. Was hilft dir, trotz allem tagtäglich in deiner Mutterrolle zu sein bzw. gibt es Momente, in denen du das alles vergessen kannst?

Zu wissen, dass nicht die Kinder per se daran schuld sind. Sondern etwas an mir schuld ist, warum ich damit nicht klar komme. Sei es jetzt, weil ich mich in eine verträumte Vorstellung verrannt hatte oder weil mir in meinem Leben offensichtlich etwas fehlte, das ich mit den Kindern versuchte zu füllen/ersetzen. Oder einfach, weil ich nicht die geduldigste Person bin. Ich muss an mir arbeiten, an meiner Vergangenheit und auch an meinen Ansichten. Was ich die letzten Jahre viel gemacht habe.

Sehr geholfen hat, dass ich mir bewusst wurde, dass es viele Arten gibt, eine gute Mutter zu sein. Manche Mütter kommen besser klar, solange ihre Kinder noch Säuglinge sind, andere wiederum erst, wenn sie im Schulalter sind, weil sie dann selbstständiger werden. Manche basteln gerne, andere nicht. Manche genießen Kuscheleinheiten, andere mögen es nicht. Das alles hat nichts damit zu tun, ob man eine gute Mutter ist. Man macht es eben nur anders.

6. Redest du in deiner Familie offen über deine Gefühle und Probleme und falls ja, wie reagiert dein Umfeld?

Ja, aber ich musste es auch erst lernen. Am Anfang habe ich versucht, mich irgendwie in die „klassische“ Mutterrolle zu zwängen, was mich in eine schwere Depression gestürzt hat, weil ich das nicht erfüllen konnte. Irgendwann war ich dann an einem Punkt, wo es mir egal war, wie jemand darauf reagiert. Ich kann meine Gefühle nicht von heute auf morgen verändern und es zu verstecken, hätte mich noch mehr Energie gekostet. Ich spreche ganz ehrlich über die guten und auch über die schlechten Phasen. Der Großteil versteht es, weil sie mich gut kennen. Für mich muss es aber auch nicht jeder verstehen, denn jeder tickt anders und das ist okay. Ich muss mit mir und meinen Gefühlen im Reinen sein und solange es meinen Kindern nicht schadet, handle ich so, wie es für mich am stimmigsten ist.

7. Inwiefern hilft es, sich auf Social Media und Co zu öffnen und auszutauschen?

Ich glaube, es tut vielen Mamas gut zu sehen, dass sie nicht alleine sind, egal wie sie empfinden oder in welcher Phase sie sich befinden. Gerade, wenn man sich nicht gut fühlt, hilft einem der Austausch mit Gleichgesinnten. Negativ sehe ich es allerdings, wenn man auf sozialen Medien nur mit perfekten, teils unrealistischen Darstellungen konfrontiert wird und das dann für sich als Messlatte sieht. Sowas verunsichert sehr viele Mütter in ihrem eigenen Handeln. Es entsteht relativ schnell ein Gefühl, man würde in seinem Leben als Mutter etwas falsch machen, weil es bei einem nicht jeden Tag glattläuft oder man eben nicht jeden Tag sagen kann, dass es so herzerfüllend ist, Mutter zu sein.

8. Wie hast du dich über das Thema Regretting Moterhood informiert? Das Thema ist ja leider nicht wirklich präsent und wirkt eher als Tabuthema.

Um ehrlich zu sein, gar nicht. Ich bin zufällig mal auf einen Blogartikel gestoßen und habe dann schnell gesehen, dass es ein riesiges Tabuthema ist. Gerade jetzt leben wir in einer Zeit, wahrscheinlich genau wegen der Flut an Vergleichen durch soziale Medien, wo fast keine Mutter mehr das Gefühl hat, es gut genug zu machen. Man verlässt sich immer weniger auf seine Instinkte und sein Bauchgefühl, um ja nichts falsch zu machen. Dass es aber kein Richtig gibt, haben viele immer noch nicht verstanden. Jeder Mensch denkt und empfindet anders und man kann auch von Müttern nicht erwarten, dass alle gleich sind. Mehr Toleranz und Verständnis wäre angesagt, dann gäbe es auch kein Gefühl von Tabu.
Viele haben einfach Angst, kritisiert und verurteilt zu werden, wenn sie offen darüber reden und solange das so ist, wird es immer ein Tabuthema bleiben.

9. Hast/Hattest du Hilfe bzw. wolltest Hilfe in Anspruch nehmen und falls ja, wie hast du diese bekommen?

Nein, nicht wirklich. Mir hat es geholfen, tolle, aufgeschlossene Menschen um mich zu haben und darüber reden zu können. Und das „an mir selbst arbeiten“ und erkennen, dass ich einfach eine andere Art von Mama bin und ich mich deshalb nicht schlechter fühlen muss.

10. Wie gehst du damit um, wenn Menschen sagen, dass du es ja selbst gewählt hast, Mutter zu sein und dich nun nicht beschweren sollst?

Das ist für mich die dümmste Aussage überhaupt! Keiner weiß vorher, was ihn erwartet. Keiner weiß, wie er mit psychischer Belastung, Schlafmangel, der riesigen Verantwortung und dem, was das Muttersein noch so alles mit sich bringt, umgehen wird/kann. Man kann sich überhaupt nicht darauf vorbereiten oder es vorher abschätzen, inwiefern es das Leben beeinflusst. Es ist leicht zu sagen „Du wolltest es so!“ Nein, SO wollte ich das nicht! Ich wusste es nicht und jetzt wachse ich mit meinen Kindern in diese Aufgabe hinein, das funktioniert manchmal besser, manchmal schlechter. Was soll man mit so einer Aussage anfangen? Klappe halten und die nächsten Jahre irgendwie durchhalten? Nur nicht darüber reden? Das ist genau diese intolerante Einstellung, die es Müttern, die Schwierigkeiten haben sich in ihre Rolle einzufinden, noch schwerer macht und sie schweigen lässt. Dass der Frust dadurch nur größer wird und man irgendwann vielleicht wirklich ein sehr negatives Verhältnis zu seinen Kindern bekommen kann, sieht in dem Moment keiner. Es gibt genug Fälle, wo Mütter ihre Familie verlassen haben oder depressiv wurden, weil sie sich überfordert, alleine und unverstanden gefühlt haben. Es ist sehr leicht, Vorurteile gegenüber anderen zu haben und zu kritisieren, wenn man selbst nie in der Situation war.

11. Denkst du, dass Regretting Motherhood ein gesellschaftliches Problem ist – dass es beispielsweise weniger stark oder oft vorkommen würde, wenn Frauen mit Kind gesellschaftlich besser unterstützt werden?

Ja! Mütter sollten sich gegenseitig mehr unterstützen. Aber ich habe das Gefühl, in einem Haifischbecken zu schwimmen, wo man sofort gefressen wird, wenn man anders denkt oder empfindet. Frühere Generationen haben sich gegenseitig geholfen und Kinder zu haben war das Normalste auf der Welt. Jetzt gleicht es einem Wettkampf. Immer neuere Erziehungsmethoden. Immer mehr Vergleiche. Noch mehr müssen und immer höhere Erwartungen. Da muss man ja irgendwann verrückt werden bei dem ganzen Druck, der heutzutage auf Müttern lastet.

12. Gibt es etwas, das du anderen Müttern, denen es ähnlich geht, mit auf den Weg geben möchtest?

Reden, reden und noch mehr reden. Sucht euch Gleichgesinnte, umgebt euch mit Menschen, die euch verstehen. Redet offen und ehrlich über euer Empfinden und setzt euch selbst nicht zu sehr unter Druck. Nichts muss – alles darf. Holt euch Hilfe in Form von Entlastung und drängt euch nicht in ein Muster, das nicht zu euch passt.

13. Gibt es etwas, das du anderen, die nicht betroffen sind, mit auf den Weg geben möchtest?

Man muss nicht alles nachvollziehen und verstehen können, aber man kann offen und tolerant anderen gegenüber sein.
Helft, anstatt abzuwerten. Denn wer weiß, ob nicht ihr auch mal Hilfe brauchen könntet.


Das, finde ich, ist ein großartiges Schlusswort – vielen Dank liebe Vivien, für deine wundervollen Antworten, die uns das Thema noch mal ein Stück näher gebracht haben!

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