Regretting Motherhood: Ein Gesellschaftsproblem?

von Maike
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Ich weiß noch genau, wie ich das erste Mal von Regretting Motherhood gehört habe. Damals war ich auf Twitter unterwegs. Max Giesingers Song “Wenn sie tanzt” war gerade ganz neu auf dem Markt und sorgte auf der Plattform mit dem blauen Zwitschervogel für heftige Diskussionen darüber, ob ein Mann überhaupt ein Lied über so ein heikles Frauenthema singen dürfte. Während ich zwar durchaus verstehen kann, dass das auf einige befremdlich wirken kann, wenn ein Mann darüber spricht, redet, schreibt, wie sich eine Frau fühlt, bin ich persönlich einfach froh darüber, dass es überhaupt jemand getan hat. Max Giesinger hat ein Thema in unsere Wohnzimmer, Küchen, Badezimmer und Autos geholt, das wichtig und präsent ist, aber fleißig unter den Teppich gekehrt wird. Ich bin dankbar, dass er Bewusstsein dafür schaffen möchte, dass nicht jeder in der Mutterrolle aufgeht und vor lauter Glücksgefühlen nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Was ich stattdessen schlimm finde, ist, dass man darauf überhaupt erst aufmerksam machen muss!

Ist Regretting Motherhood ein Gesellschaftsproblem?

Mutter zu sein ist das Schönste auf der Welt, heißt es. Drölfzigtausend Mal am Tag die vier Wände auf Vordermann bringen, eine Maschine Wäsche nach der anderen anschmeißen, die Nachmittage auf Spielplätzen oder in Turnhallen verbringen, immer Gesellschaft auf dem Klo haben, den müden langen Tag Mama, Mama!, Maaaaama!!! hören, so lange neben dem Kind im Bett liegen, bis es eingeschlafen ist und nachts zig Mal wach werden, weil der Nachwuchs ruft oder dich – sollte man im selben Bett schlafen – als Matratzenerweiterung umfunktioniert und du von Armen, Beinen und pupsenden Popos belagert wirst, ist kein Akt, sondern das Normalste der Welt und mit Links zu erledigen. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich in unserer Gesellschaft umguckt. Mama hat zu funktionieren, Punkt. Und als würde das noch nicht reichen, hat sie dabei auch gefälligst glücklich zu sein. Es gibt sie auch, die Mamas, die all diese Dinge von Herzen gerne machen, die daran Freude haben und in ihrer Rolle regelrecht aufblühen. Doch nicht jede Mutter empfindet so. Nicht jede Mutter sprudelt über vor Glück, wenn sie ihrem Kind einer Ewigkeit beim Schlafen zuschaut und nicht jede Mutter liebt es, sich aufzuopfern, nur, weil zu ihrem Leben jetzt auch ein Kind gehört. Ich kann das gut verstehen. Sobald das Kind auf die Welt kommt, ändert sich das Leben der Frau um 180 Grad. Alles dreht sich um den neuen Erdenbürger, für eigene Bedürfnisse ist kein Platz und das oftmals nicht nur für ein paar Monate, sondern über Jahre hinweg. An Ich-Zeit, um Hobbys auszuüben, sich mit Freunden zu treffen, die Seele zu pflegen und sich seinen Interessen zu widmen, ist nur selten zu denken und einfordern wird auch nicht gerne gesehen, denn Mama hätte ja vor der Mutterschaft wissen müssen, was auf sie zukommt.

Regretting Motherhood Essen

Mütter werden alleine gelassen

Seit wir uns vorgenommen haben, Regretting Motherhood zum Thema auf MitohneMaske zu machen, habe ich viele Telefonate geführt, nachgefragt, wie man zu dem Problem steht und wo man ein offenes Ohr bekommt. Das Erschreckende: es gibt nicht nur so gut wie keine Anlaufstellen für betroffene Mamas, es wird sogar etwas ganz falsches mit dem Begriff Regretting Motherhood in Verbindung gebracht. Wie diese zwei Wörter schon sagen, geht es darum, die Mutterschaft zu bereuen und nicht, wie häufig irrtümlich angenommen, die Existenz der Kinder. Es geht nicht darum, dass Kinder nicht geliebt, vernachlässigt oder anderweitig schlecht behandelt werden, sondern einzig um die Rolle der Mutter. Es geht darum, das Leben zu vermissen, das man vor dem Kind gelebt hat, um das Fehlen beruflicher Herausforderung, um die Selbstaufgabe und die leeren Akkus. Es geht darum, dass es Müttern verdammt schwer gemacht wird, etwas anderes als Mutter zu sein. Mit Kind an der Backe beruflich Fuß zu fassen, ist nicht einfach, einen Kindergartenplatz zu finden so etwas wie ein Sechser im Lotto. Ist das Kind zu oft krank, muss Mama um ihren Job bangen und Kinderbetreuung im Fitnessstudio, die Sicherstellen würde, dass sie wenigstens eine Stunde mal den Kopf leer powern kann und an nichts denken muss, gibt es so gut wie nicht.

Stattdessen gibt es in unserer Gesellschaft erhobene Zeigefinger, rollende Augen, blöde Kommentare und viel Kritik, wenn Mama überfordert und ihre Geduld am Ende ist. Es hagelt Unverständnis, wenn die Mutter auch mal allein sein, eine Stunde in Ruhe mit der Freundin telefonieren oder abends mit ihren Mädels um die Häuser ziehen möchte. Unsere Gesellschaft versteht nicht, dass eine Mutter vor ihrem Mamadasein einfach nur eine Frau gewesen ist, die Beruf, Wünsche, Träume, Vorlieben, Bedürfnisse und Ich-Zeit hatte und das sollte ganz dringend in unseren Köpfen ankommen und akzeptiert werden. Dann hätte ich bei meiner Recherche wahrscheinlich auch nicht nur zwei Anlaufstellen für jene Mamas gefunden, die sich in ihrer Mutterrolle nicht wohlfühlen und einfach mal ein offenes Ohr oder Rat brauchen.

Wenn es in unserer Gesellschaft okay wäre, mit etwas nicht okay zu sein und keiner Wunschvorstellung zu entsprechen, würde man im Internet sicher Thread über Thread finden, in denen sich Mamis ohne Scham austauschen und sich unterstützen. Man würde wissen, was Regretting Motherhood bedeutet und dass betroffene Mütter ihre Kinder sehr wohl lieben und sich auch gut um sie kümmern. Es würde mehr Angebote für Mamis geben, bei denen für Kinderbetreuung gesorgt ist und man würde die Mamas fragen, wie es ihnen geht, denn das tut kaum jemand. Es juckt niemanden, ob sie total ausgebrannt ist und Hilfe bräuchte. In unserer Gesellschaft sieht man nur die Mutter, die zerzaust in der Stadt rumläuft und ihr Kind anschreit. Niemand schert sich darum, ob Mama vielleicht nur zwei oder drei Stunden Schlaf in der Nacht bekam, sie schon viel zu spät dran sind und das Kind an diesem Tag eventuell unendlich doll provoziert. Jeder, der das beobachtet, denkt an das arme Kind, aber niemand an die Mutter. Und klar, wir sollten uns im Griff haben, Vorbild sein und unsere Kinder nicht anschreien und in einer Welt, in der wir Maschinen wären, wäre das auch so, doch in dieser leben wir nicht.

Ein Lächeln kann schon viel bewirken

Wie viele Mütter lieber keine Mütter wären, weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass es viele sind. Nur trauen sie sich nicht, das auch offen zuzugeben. Wundert es euch? Mich nicht.

Mir ist natürlich klar, dass wir “bereuenden” Müttern nicht ihre Kinder abnehmen können und darum geht es auch gar nicht. Viel mehr geht es darum, der Mutterrolle Menschlichkeit zuzugestehen. Niemand muss der schreienden Mama auf die Schulter klopfen und sie für ihr Verhalten bauchpinseln, aber man kann sagen “Hey, wie du da gerade mit deinem Kind umgesprungen bist, finde ich nicht toll, aber ich kann nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist. Wie kann ich helfen?” und das Leben der Mama damit positiv verändern. Wir können dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft mehr auf Mütter eingeht. Dafür kämpfen, dass Mamas nicht auf die berufliche Ersatzbank kommen. Wir können sie fragen, ob es ihr gut geht und ob sie Hilfe braucht, wir können ihr Pausen ermöglichen, einen Kaffee ausgeben und ihr ein Lächeln schenken. Wir können zuhören und endlich leben, dass Mamas zwar Heldinnen, aber keine gefühllosen Maschinen sind.


Gehörst du zu den Mamas, die es bereuen, Mutter geworden zu sein? Hier haben wir zwei Anlaufstellen für dich, wo du ein offenes Ohr und auf Wunsch auch Rat findest:

Caritas
Nummer gegen Kummer

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