Als mir ein Junge aus der Nachbarschaft 10 € anbot, um mich anfassen zu dürfen

von Briefkastennutzer
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Sexueller Übergriff an Kindern

Triggerwarnung: sexueller Übergriff

Ich erinnere mich an dieses Ereignis. Viele Dinge aus meiner Kindheit habe ich vergessen, an manche Tage erinnere ich mich, wenn ich mit meinen Eltern oder Freunden über die alte Zeit rede. Aber dieses Ereignis ist immer da. Es hat mich nicht bewusst belastet, mir keine Angst vor Männern gemacht oder mein Vertrauen in die Menschheit erschüttert. Aber je älter ich werde, desto öfter denke ich daran. Je mehr feministische Literatur ich lese, je mehr Frauen sich öffnen und von den Übergriffen ihnen gegenüber erzählen, desto mehr denke ich daran. Ein Junge aus der Nachbarschaft hat mir Geld angeboten, damit er mich „da unten“ anfassen darf.

Ich weiß noch, dass der Euro da ziemlich neu war. Es muss so um 2002 gewesen sein und ich ungefähr acht Jahre alt.
Ich hatte einen älteren Sandkastenfreund, mit dem ich viel gerangelt habe. Wir haben zusammen gebadet, uns geprügelt und meinen Eltern oft Kopfzerbrechen bereitet. Und dann gab es diesen Jungen aus der Nachbarschaft der noch ein bisschen älter war als wir. Ungefähr fünfzehn oder sechzehn zu diesem Zeitpunkt. Ich mochte ihn nicht, er hatte irgendetwas an sich, dass in mir Unbehagen auslöste.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie es dazu kam. Es war Frühling oder Sommer. Wir spielten an einem Spielplatz in der Nähe meines Elternhauses. In der Nähe waren Altglascontainer, versteckt von Holzwänden. Er bot mir 10€ an, um mich anzufassen. Ich wusste, dass man so etwas nicht machen sollte. Und ich sagte ja. Der ältere Junge schickte meinen Freund weg und nahm mich mit hinter die Holzwände. Da wusste ich, dass ich es nicht mehr wollte, aber der Junge redete auf mich ein. Ich weiß noch, dass ich „Nein“ sagte, aber er zog mich mit sich. Er steckte seine Hand in meine Hose, berührte mich und erklärte mir, was ich da unten hatte. Ich hatte nicht unbedingt Angst, aber ich fühlte mich unwohl, wollte, dass er aufhörte, mich anzufassen. Ich glaube, ich habe nach meinem Freund gerufen, vielleicht auch geweint. Der Junge hat mir die 10€ zugesteckt und sich aus dem Staub gemacht.

Als ich abends nach Hause kam war ich niedergeschlagen, fühlte mich irgendwie schmutzig. Ich hatte keine Angst vor dem Jungen, aber vor dem was meine Eltern denken würden. Ich erzählte ihnen davon, sie waren wütend, entsetzt und sprachen mit den Eltern des Jungen, gaben die 10€ zurück. Danach näherte er sich mir nicht mehr. Aber außer, dass meine Mutter sagte, dass ich sowas nie wieder machen soll, sprach niemand mit mir darüber. Ich will meinen Eltern oder den Eltern des Jungen nichts vorwerfen. Vielleicht haben sie geredet, sich vielleicht gestritten, vielleicht gab es Ärger. Aber es gab keine Polizei, keine sichtbaren Folgen. Ich weiß nicht, ob der Junge andere Mädchen angesprochen hat. Das Geheimnis war von meinen Schultern gefallen und ich fühlte keine Erleichterung. Ich fühlte mich schuldig. Schuldig, an dem was passiert war. Meine Eltern haben das Thema nie wieder angesprochen. Ich frage mich, ob sie sich überhaupt daran erinnern. Was sie gefühlt haben.

Heute frage ich mich, wie oft Mädchen so etwas passiert. Gegen ihren Willen, mit süßen Worten und versprochenen Belohnungen. Wie oft sie es währenddessen oder danach bereuen. Was danach mit ihnen geschieht und wie es ihnen damit geht. Ob sie sich jemandem öffnen oder ihr Geheimnis hüten. Ob sie sich schmutzig und käuflich fühlen, ob sie sich fortan eine Maske anziehen und niemanden mehr an sich heranlassen. Ob sie glauben, weniger wert zu sein.

Ich wünsche mir, dass wir offener über sexuelle Übergriffe, sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen sprechen. Dass wir Opfern nicht die Schuld zuschieben, dass wir die Fehler nicht bei ihnen suchen. Dass wir unseren Kindern beibringen Grenzen und ein „Nein“ zu respektieren.”


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Michele 17. Juni 2019 - 13:50

Kinder kommen schnell in Situationen, aus denen sie sich wieder frei wünschen, wenn ihnen ihr bauchgefühlt sagt, dass hier etwas nicht stimmt. Ich habe etwas ähnliches erlebt und kenne auch in meinem Bekanntenkreis Opfer. Der Ausdruck klingt prägend, aber das sind wir, Menschen, Kinder, denen in vermeintlich harmlosen Spielen von Älteren etwas zugefügt wurde, das sich lange schlecht anfühlt. Ich glaube nicht, das die “älteren” Kinder genau wissen, was sie da tun, aber ich glaube, dass auch sie an irgendeiner Stelle Opfer geworden sind und so verlernt haben, wo die gesunden Grenzen liegen. Sei es durch tatsächliche Handlungen, Erlebnisse im Elternhaus oder auch einfach verharmlosende Pornographie. Solche Erlebnisse offen zu besprechen bringt Heilung für alle.

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