Meine Stimme frei zu nutzen, kostet mich auch noch nach Jahren viel Überwindung

von Svea
2 Gedanken
Redeverbot: Wieso es mir schwer fällt, meine Stimme zu nutzen
Redeverbot: Wieso es mir schwer fällt, meine Stimme zu nutzen
Redeverbot: Wieso es mir schwer fällt, meine Stimme zu nutzen
Redeverbot: Wieso es mir schwer fällt, meine Stimme zu nutzen
Redeverbot: Wieso es mir schwer fällt, meine Stimme zu nutzen

Wenn ich den Menschen in meinem Umfeld gegenüber erwähne, dass es mir verdammt schwer fällt, meine Meinung zu sagen, glauben sie mir meist kein Wort. Doch es ist tatsächlich so. Was auf andere locker und manchmal vielleicht sogar vorlaut wirkt, ist für mich in Wahrheit verdammt schwer. Dabei ist es gar nicht so, dass ich den Menschen um mich herum etwas vorspiele, im Gegenteil, eigentlich zeige ich ihnen genau die Person, die ich bin. Tief in mir drin. Wenn jemand in meinen Kopf gucken und meine Gedanken lesen könnte, würde ihm wahrscheinlich die Kinnlade runterklappen, weil es in meinem Kopf sehr wild und laut und frei zugeht und meine Ausdrucksweise dabei nicht selten nichts mehr mit der guten Kinderstube zu tun hat, die meiner Mutter so wichtig war.

Frei. Ja, genau hier liegt mein Problem. Denn während in mir drin alles wild tobt, fühle ich mich nicht frei, das auch nach außen zu tragen. Ich konnte es mal, das weiß ich, aber ich habe es verlernt. Abtrainiert bekommen. Es schickte sich einfach nicht, dass Mädchen vorlaut waren, sich in Gespräche einmischten, Widerrede gaben und sich für eigene Überlegungen und Sichtweisen stark machten. Ich weiß noch genau, wie meine Mutter mir immerzu einen messerscharfen Blick zu warf, wann immer sie glaubte, es würden gleich Worte aus meinem Mund kommen, die sie für unangebracht hielt oder wie sie mir unterm Tisch Tritte gegen das Schienbein gab. Meine Mutter hat mich geliebt und versucht mir etwas beizubringen, das weiß ich. Für sie waren Gefühle und Gedanken nur immer etwas, was man nicht nach draußen trägt, sondern mit sich selbst ausmacht. Für mich jedoch waren sie etwas, was geteilt werden musste. Was ich teilen wollte, aber nie durfte. Ich habe gelernt, den Mund zu halten, stand immer brav an der Seite der Anderen, hörte zu und antwortete im Stillen. Auch den meisten meiner Schulkamarden gegenüber verhielt ich mich so. Ich wurde zum nickenden Wackeldackel, der keine Meinung hatte und zu allem Amen sagte.

Aber das war nicht ich und bin es bis heute nicht. Ich bin nicht das stumme Mäuslein, das nichts zu sagen hat und sich einfach ihren Teil denkt. Ich bin die, die lauthals auf offener Straße singt, weil sie einfach gerade Lust darauf hat. Die, die Spaß an Diskussionen hat, rumalbert, frech ist und auch mal auf Tischen tanzt. Ich bin die, die vor vielen Jahren einmal das Herz auf der Zunge getragen hat, bevor man ihr den Mund verbot und ich bin die, die es auch nach so langer Zeit immer noch Tag für Tag sehr viel Überwindung kostet, meine Stimme frei zu nutzen. Mich Menschen so zu zeigen, wie ich wirklich bin. Diesen Teil von mir nicht als etwas anzusehen, was sich nicht schickt oder ständig hoffen, dass andere mich deswegen nicht ablehnen. In mir drin bin ich stark und selbstbewusst, ich weiß, was ich will und nehme kein Blatt vor den Mund, aber das Ganze nach draußen zu tragen fühlt sich immer wieder ein bisschen so an, als würde ich mich nackt der Öffentlichkeit präsentieren. Es ist ein Lernprozess. Aber ich werde es lernen. Ich werde lernen, mich mit meinem Ich wieder frei zu fühlen, denn dieses verrückte, lebensfrohe, quasselnde, den Moment genießende und Kraftausdrücke nutzende Ich gefällt mir tausend Mal besser. Nein, gefallen ist nicht richtig. Es gefällt mir nicht nur, ich liebe es!

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Jasmin 22. Oktober 2018 - 14:34

Das hast du wirklich toll geschrieben. Ich wünsche mir für dich, dass du deine Stimme wieder findest und selbstbewusst deine Meinung vertrittst!
Keiner möchte gern der nickende Wackeldackel sein – lass dich nicht entmutigen. Die Art wie du deine Beiträge schreibst – das alles hat auf jedenfall Gehört verdient!

liebe Grüße
Jasmin

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Svea 23. Oktober 2018 - 10:56

Vielen vielen Dank für dein liebes Feedback, Jasmin. Gerade bei solch persönlichen Beiträgen sind solche Worte immer ein bisschen wie Streicheleinheiten für die Seele und bedeuten mir sehr viel. <3

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