Wie Panikattacken und Angstzustände mein Leben beeinflussen.

von Vera
0 Gedanken

Seit meinem Autounfall vor vier Jahren leide ich an Angstzuständen. Solange ich in meinem Heimatörtchen bin, sind sie nur selten aufgetreten, aber je weiter ich mich aus meinem normalen Umkreis entferne, desto häufiger treten sie auf. Es ist mir vorher nicht so bewusst gewesen, dass die Angstzustände mit dem Verlassen meiner langjährigen Heimat zunehmen. Das ist mir erst seit meinem Umzug nach Hamburg klar geworden. Ich nenne euch mal ein paar Beispiele, wie und wann sich Panikattacken und Angstzustände im ganz normalen Alltag  bei mir äußern.

Beispiel: Wenn ich das Haus verlasse, um einkaufen zu gehen oder um mit der Bahn irgendwohin zu fahren, achte ich immer darauf, genug getrunken und gegessen zu haben. Ich gehe meinen gesamten Tag durch und mache mir gedanklich Notizen, wann ich was getrunken und gegessen habe und wie viel. Sollte ich zu dem Schluss kommen, dass ich zu wenig getrunken habe, trinke ich ein ganzes Glas. Zusätzlich nehme ich mir eine kleine Flasche in meinen Rucksack mit. Wenn ich in den Supermarkt gehe, mache ich mir immer genau einen Plan, was genau ich brauche. Sobald ich den Laden betrete, möchte ich so schnell wie möglich alles abarbeiten. Ich versuche mich zwischen den Leuten durchzuschlängeln und mich ganz auf mich und meine “Mission” zu konzentrieren. Meistens schaffe ich es unversehrt bis Richtung Kassenzone. Allerdings geht es dann meist erst richtig los.

Panikattacken

Ich checke ab, an welcher Kasse die wenigsten Menschen mit den wenigsten Artikeln sind. Nochmal gehe ich im Kopf durch, was ich getrunken habe. Meistens erfolgt ein innerer Dialog mit mir selbst. “Du hast genug getrunken. Du kippst nicht um. Niemand kippt einfach um. Ich habe genügend Energie. Und wenn ich doch umkippe? Dann kippe ich eben um. Passiert ja nichts. Aber hier sind so viele Menschen. Ich komme hier nicht weg. Am besten, ich trinke gleich noch etwas. Reicht das? Ich würde mich jetzt gern hinsetzen. Warum geht das nicht schneller voran? Wie komme ich am besten aus der Situation raus? Ich könnte mir eine Ausrede einfallen lassen, warum ich jetzt aus der Warteschlange gehen muss. Soll ich einen wichtigen Anruf vortäuschen?”
Während dieser Sekunden schaue ich immer wieder auf meine Uhr. Ich wühle in meiner Tasche, einfach um mich abzulenken. Ich werde innerlich so unruhig und greife mir ständig an die Stirn, als hätte ich Kopfschmerzen. Ich denke immer, dass jeder mitbekommen muss, dass mit mir was nicht stimmt. Aber durch Recherche weiß ich, dass anderen Menschen meine Unruhe gar nicht auffällt. Das spielt sich alles nur in meinem Kopf ab. Meine Gedanken sagen mir, ich werde jeden Moment umkippen. “Gleich ist es soweit, Hilfe, ich kippe bestimmt gleich um.” Je länger ich warte, desto schlimmer wird es. Und dann sind da überall fremde Menschen. Das ganze hört erst wieder auf, wenn ich abkassiert wurde und Richtung Ausgang laufe. Dann denke ich mir immer, wieso ich mich so angestellt habe und dass mir überhaupt nichts passiert ist.

So oder so ähnlich läuft es immer ab. Auch in komplett anderen Situationen, wie zum Beispiel diese hier: Wenn ich alleine unterwegs bin in einer fremden Umgebung und kein Trinken eingepackt habe, fühle ich mich schrecklich unwohl. Diese Möglichkeit, nichts trinken zu können, lässt Panik in meinem Kopf ausbrechen. Die Angst, vor allen Menschen umzukippen, wird überdimensional groß und ich muss mir sofort etwas kaufen. Jetzt. Sofort!!! ODER Wenn ich in meinem Laden an der Kasse stehe und dort sehr viele Menschen anstehen, kann ich der Situation ja nicht entkommen, wenn mir danach ist. Ich muss warten, bis ich alle Kunden abkassiert habe. Oder auch, wenn Kunden besonders intensiv bedient werden wollen und ich alleine im Laden bin.

Ich versuche mich mit einem Anruf bei meinen Eltern abzulenken. In der Bahn steige ich auch gerne mal schon ein paar Stationen eher aus, um an die frische Luft zu kommen, den zusammen gepferchten Menschen zu entkommen, den Gerüchen. Im Laden versuche ich, die Kunden mit irgendeiner plausiblen Ausrede hinzuhalten, um mich kurz zurückzuziehen. Niemand merkt dabei, dass es mir mies geht, da ich komplett in meiner Rolle bin, solange ich in der Öffentlichkeit stehe.

Panikattacken

Nicht immer passiert mir das. Gerade auf Arbeit lässt es jetzt nach, weil das nun eine schützende Umgebung für mich geworden ist. Ich kenne alles. Ich kenne mein Team. Ich weiß, dass ich ihnen vertrauen kann, auch wenn sie nichts von meinen Problemen wissen. An öffentlichen Orten schaue ich mich immer um, wo ich die nächste Toilette oder freie Bank finde. Ich brauche diese Sicherheit, mich immer und zu jeder Zeit hinsetzen zu können. Ich kann stundenlang stehen, schließlich arbeite ich im Handel, doch wenn ich sitze, verbraucht das weniger Energie für meinen Körper und ich kann nicht umkippen, weil ich – Überraschung – ja schon sitzen würde.

Fremde Umgebungen sind generell sehr schwierig für mich. Öffentliche Verkehrsmittel meide ich deswegen. Obwohl mich das in meiner Heimatstadt auch nicht gestört hat. Erst seitdem ich nach Hamburg gezogen bin, habe ich massive Probleme damit. Nicht jeder weiß das. Mich stresst auch die Vorstellung total, mit “fremden” Menschen unterwegs zu sein, die mich und meinen Hintergrund bezüglich des Unfalls und meinen andauernden Problemen damit nicht richtig kennen. Ich kann nicht genau sagen, woher diese krasse Angst vor dem Umkippen kommt. Ich denke, dass sie von meiner Zeit der Reha herrührt, wo ich einmal umgekippt bin. Aber das ist vier Jahre her und es ist bisher nie etwas Vergleichbares passiert.

Theoretisch müsste ich zum Psychotherapeuten, aber irgendwie habe ich immer super Ausreden.

Hier eine Topliste meiner Ausreden:

    • Ich muss arbeiten!
    • Ich habe keine Zeit!
    • Ich rufe da morgen mal an.
    • Ich habe kein Geld.
    • Bisher konnte ich damit ja auch gut leben.
    • Ich habe das ja nicht immer …
    • Und noch viele weitere …

Die Zustände schränken mich in dem Sinne ein, dass ich es mir immer mehrmals überlege, ob ich wirklich einkaufen gehen muss. Muss ich wirklich mein Haus verlassen oder reichen die Sachen, die ich habe? Verabredungen mit Bekannten sage ich auch durchaus mal ab, wenn es an einem Ort stattfindet, wo ich mit dem Auto nicht hinkomme und mit den Öffis fahren müsste. Vor allem gibt es Tage, da habe ich einfach keine Energie, mich mit meinen Ängsten auseinanderzusetzen und gehe dann den Weg mit dem wenigsten Widerstand. Ich lasse mir Ausreden einfallen, wieso ich nicht kann. Ich überlege immer lange, bevor ich etwas Neues ausprobiere … und generell gehe ich ungern allein irgendwohin, weil ich dann niemanden Vertrautes habe, der mir helfen kann, falls irgendetwas sein sollte.


Gibt es Dinge, die euch in eurem alltäglichen Leben einschränken?

0 Gedanken
0

Lass uns doch deine Gedanken da

* Die Datenschutz-Checkbox ist ein Pflichtfeld.
Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert MitohneMaske deinen Namen, deine E-Mail-Adresse sowie deinen Kommentar mit dazugehörigem Zeitstempel. Deine IP-Adresse wird anonymisiert. Du hast die Möglichkeit, deinen Kommentar jederzeit wieder zu löschen. Mit dem Abschicken des Kommentars stimmst du dem zu. Ausführliche Informationen dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung.

Okay!

close

MitohneMaske

Newsletter!

Du möchtest nie wieder einen Beitrag oder Neuigkeiten verpassen? Dann trage dich jetzt für unseren monatlichen Newsletter ein!

**Für den Newsletter speichert MitohneMaske Namen und Email-Adresse. Mit dem Abschicken dieses Formulars stimmst du dem zu. Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzbestimmung.